Vorwort

„Respekt“ – ein agiler Wert für das Miteinander – war ursprünglich ein Workshop und ein Beitrag für den Kongressreader zum 40. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse e.V. (DGTA) in Osnabrück vom 22. – 24. Mai 2020 unter dem Motto „Toleranz und Respekt – für ein friedvolles Miteinander“ bestimmt. Allerdings wurde dieser Jahreskongress wie vieles andere auch aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt.

Warum ist „Respekt“ ein agiler Wert?

Die Erfinder Ken Schwaber und Jeff Sutherland der agilen Projektmanagementmethode „Scrum“ schreiben in ihren Scrum-Guide: „Mitglieder von Scrum-Teams respektieren sich gegenseitig als fähige, eigenverantwortliche Individuen“ (2017, S. 6). Respekt ist außerdem einer der 5 Werte in der Scrum-Ethik und somit ein agiler Wert. Mit diesen Worten aus dem agilen Projektmanagement lässt sich eine tragfähige Brücke zum Leitziel „Autonomie“ der Transaktionsanalyse bauen.

Die Parallelen der Entwicklungsgeschichte

Die Wurzeln von Scrum gehen über das Lean Development und Kanban bis 1947 zurück. Manche finden ggf. methodische und ethische Anknüpfungspunkte unter den Begriffen Toyota Produktionssystem (TPS) oder Kaizen. Ebenfalls 1947 veröffentlichte Eric Berne mit „The mind in action“ eine Grundlage für den heutigen Entwicklungsstand in der systemischen Transaktionsanalyse und den psychologischen Hungerarten / Bedürfnissen.

„Respekt“ in Modellen der Tranaktionsanalyse und dem agilen Umfeld

Dieses Modell der psychologischen Hunger aus der Transaktionsanalyse ist mit dem 7. S der Abschluss dieses Artikel. Das Hunger-Modell griffen zuletzt Holetz; Meyer-Prentice in ihrem Vortrag „Das „6S-Modell“ – Mit 6S zum Success“ beim 39. DGTA-Kongress (2019) in Lindau auf. Der Strokehunger, Spirithunger und Sinnhunger könnten Kernelemente im agilen Kulturwandel bzw. agilen Mindset sein. Im agilen Umfeld sind allerdings andere Modelle gebräuchlich, die nahelegen, dass sich die Hunger durch die Reife der Organisationen und Individuen in ihrer Dominanz verändern.

Ist „Respekt“ die gelebte Erkenntnis, dass sich Hunger / Bedürfnisse verändern?

Dieser Frage gehe ich im Folgenden nach und betrachte die gebräuchliche Modelle im agilen Umfeld und die korrespondierenden „agilen“ Modelle der Transaktionsanalyse.

 

  • Gebräuchliche Modelle im agilen Umfeld
    • Werte, Prinzipien, Werkzeuge / Tools – ein agiler Dreiklang
    • Bedürfnisse nach Maslow
    • Ich-Entwicklungsstufen
  • Korrespondierende „agile“ Modelle der Transaktionsanalyse

    • Ethik
    • Autonomie
    • Autonomiezirkel
    • 7-S-Modell
respekt

Gebräuchliche Modelle im agilen Umfeld

Werte, Prinzipien, Werkzeuge / Tools – ein agiler Dreiklang

Kanban wird bis heute in der Agilität eingesetzt. Kanban, was eigentlich „Schild“ oder „Kärtchen“ bedeutet, sehen wir heute in Form von Kanban Board, Teamboard oder Scrum-Board mit Post-its, Magnettäfelchen, digitalen Teamboards, … Was wir also meistens wahrnehmen, ist das Tool / Werkzeug. Hinter diesem Werkzeug stehen beim Kanban jedoch 6 Prinzipien, die manchmal auch Toyota-Regeln genannt werden. Dieser Aufbau einer Methode ist bis heute in den agilen Ansätzen enthalten, was an der agilen Projektmanagementmethode „Scrum“ gezeigt wird.

Die Scrum-Ethik umfasst die wesentlichen Elemente Werte, Säulen (Prinzipien) und das Scrum-Team. Die Scrum-Erfinder Schwaber und Sutherland nennen fünf Werte, „Selbstverpflichtung, Mut, Fokus, Offenheit und Respekt“ (2017, S. 5). Die Scrum-Säulen bestehen aus den vier Begriffen Vertrauen, Transparenz, Überprüfen und Anpassen, wobei das Vertrauen dem Wortlaut nach durch das Leben und Verkörpern der Werte und Prinzipien durch das Team entsteht (2017, S. 4ff). Das Zitat „Mitglieder von Scrum-Teams respektieren sich gegenseitig als fähige, eigenverantwortliche Individuen“ (2017, S. 6) zeigt den Wandel zu einer Vertrauenskultur durch Respekt im Miteinander. Die Gegenseitigkeit und die Gleichwertigkeit in unterschiedlichen Rollen im Scrum-Team sind auch schon erste Ansätze zu #augenhöhe.

Dieser Unterschied wird von einem externen Betrachter vielleicht gar nicht wahrgenommen, denn dieser sieht vermutlich zunächst die Werkzeuge, wie das Scrum-Board, die vier Scrum-Ereignisse oder das Timeboxing (2017, S. 9ff). Das Daily Scrum, eines der vier Scrum-Ereignisse, findet bspw. als tägliches, max. 15-minütiges Standup-Meeting auch außerhalb der Scrum-Methode Anwendung. Daily Scrum und andere agile Werkzeuge finden sich im Artikel „Agile Werkzeuge – Kommunikation als Führungsaufgabe„.

Torsten Scheller zeigt zu diesem Wahrnehmungseffekt (2017, S. X (Amazon-Werbung)) das Modell der „Agilen Zwiebel“ (vgl. ↓), welches auf die Firma AWA und Simon Powers zurückgeht. Weitergehend schlägt dieses Modell auch die Brücke zu Mindset, und somit zu Haltung, Weltsichten und Menschenbildern mit dem Ziel lernende Organisation. Mindset ist dabei ein wichtiges Thema im Hintergrund, welches im Artikel „Agiles Mindest“ in den Vordergrund geholt wird. Im strukturellen und kulturellen Wandel unterstützen die Transformationsberatung, die 8 Coachingformate, Seminare und Workshops.

Respekt, agile Zwiebel

Bedürfnisse nach Maslow

Die Bedürfnispyramide von Maslow ist vielen Menschen zumindest dem Namen nach bekannt, allerdings ist keine Aufzeichnung von Maslow in Form einer „Bedürfnispyramide“ bekannt. Vielmehr scheint sich diese Darstellung durch die Interpretation und das damals vorhandene Mindset verbreitet zu haben. Faktisch zeigte schon Krech, Crutchfield & Ballachey (1962, S. 72/77) eine dynamische Darstellung der Bedürfnisse. Auch die Erweiterung der Bedürfnisse auf die acht Ebenen, die 1970 posthum veröffentlicht wurde, setzte sich nicht durch, so dass folgende fünf Ebenen genannt werden:

  1. Physiologische Bedürfnisse
  2. Sicherheitsbedürfnisse
  3. Soziale Bedürfnisse (Anschlussmotiv)
  4. Individualbedürfnisse (Wertschätzung und Anerkennung)
  5. Selbstverwirklichung

Die Ebenen 1 – 4 werden dabei den Mangelbedürfnissen/ Defizitbedürfnissen zugeordnet. Die Ebene 5 enthält die Wachstumsbedürfnisse zur Selbstverwirklichung. Allihn (2013, S. 26-27 (Amazon-Werbung)) bestätigt diese 5 Bedürfnisse und hält in einer dynamischen Bedürfnisdarstellung fest, dass die Generation Y dieselben Bedürfnisse hat, allerdings ist die Wertigkeit, Bedeutung bzw. Dominanz in dieser Generation gegenüber älteren Generationen verschoben. Dies wird darauf zurückgeführt, dass diese Generation keine tiefgreifenden Mangelsituationen durch Kriege oder tiefgreifende Wirtschaftskrisen erfahren musste. Demzufolge sind Bedürfnisse und die Motivation zur Selbstverwirklichung stärker ausgeprägt. Weitere Autoren wie (Boden, 2013 (Amazon-Werbung)), (Hentze & Graf, 2005 (Amazon-Werbung)) verwenden ebenfalls die dynamische Darstellung der Maslowschen Bedürfnisse ähnlich Abbildung ↓ und stellen auf die Entwicklung der Persönlichkeit ab. Im Hinblick auf Respekt im Miteinander auf #augenhöhe halte ich fest, dass die unterschiedliche, individuelle Wichtigkeit verschiedener Bedürfnisse auf unterschiedlichen Entfaltungsmöglichkeiten und Erfahrungen basiert. Respekt erscheint so immer mehr als eine Antwort aus den Werten und dem Mindset auf Diversität.

Respekt, Dynamische Bedürfnisse nach Maslow

Ich-Entwicklungsstufen

Jane Loevinger entwickelte das Modell der Ich-Entwicklung zur strukturellen Reifegradmessung. Dieses Modell, was auch von Thomas Binder („Wie gut verstehen Berater ihre Kunden? Ich-Entwicklung – ein vergessener Faktor in der Beratung“ oder als Buch (Amazon-Werbung)) verwendet wird, findet sich in vielen agilen Veröffentlichungen und letzten Endes in den Modellen zu den Organisationsreifegraden bei Frederic Laloux (2017 (Amazon-Werbung)) und anderen wieder.

„Von Clare Graves bis Abraham Maslow, von Deirdre Kramer bis Jan Sinnott, von Jürgen Habermas bis Cheryl Armon, von Kurt Fischer bis Jenny Wade, von Robert Kegan bis Susanne Cook-Greuter schält sich eine bemerkenswert konsistente Geschichte der Evolution des Bewusstseins heraus.[…] Doch erzählen all diese Forscher eine in den Grundzügen ähnliche Geschichte vom Wachstum und der Entwicklung des Geistes als eine Aufeinanderfolge sich entfaltender Stufen oder Wellen.“ (Wilber, 2001, S. 304 (Amazon-Werbung))

Svenja Hofert (2016, S. 67f (Amazon-Werbung)) integrierte in das Loevinger-Modell z.B. die Konflikt- und Entscheidungstools von der Stufe E4 Gewinnen (Durchsetzen) über E5 Win-win und E6 Konsens bis E7 Konsent. Hinter Agilität verbirgt sich somit nach Auffassung verschiedener Autoren ein Reife- oder Wachstumsprozess. Als Transaktionsanalyse anwendende Menschen ziehen wir ggf. Analogien zum Autonomie-Prozess oder zu den Ich-Zuständen und dem Cathexis-Ansatz  nach Kouwenhoven, Kiltz, Elbing (2002 (Amazon-Werbung)). Auf Ich-Zustände gehe ich in diesem Artikel nicht weiter ein, so dass Du Dich im Artikel „Führen auf Augenhöhe – Führungsaufgaben mit neuem Mindset“ einlesen kannst.

Korrespondierende „agile“ Modelle der Transaktionsanalyse

Respekt in der TA-Ethik

Die Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse e.V. veröffentlicht ebenfalls eine Ethik, wie die verschiedenen Dachorganisationen zu den agilen Methoden. Respekt ist hiernach ein Prinzip in der TA-Ethik (2019), was im Scrum-Guide ein Wert ist. Gegenseitigkeit ist in der TA-Ethik unter den Werten zu finden, was im Scrum-Guide unter dem Team steht. Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit aus der TA-Ethik finden sich in der Scrum-Ethik in Begriffen wie „eigenverantwortlich“ oder „Selbstverpflichtung“ wieder. Die beiden Ethiken sind somit grundsätzlich vereinbar. Die TA-Ethik geht mit dem enthaltenen Menschenbild und der daraus resultierenden Haltung sogar einen Schritt weiter als der Scrum-Guide.

Autonomie und Respekt

Das Leitziel Autonomie ist als Begriff nicht mehr Bestandteil der TA-Ethik (2019), gleichwohl bezeichnen Henning Schulze und Klaus Sejkora die Autonomie als zentralen Bestandteil des Menschenbilds der Transaktionsanalyse (2017, S. 95 (Amazon-Werbung)). Eric Berne subsumiert unter Autonomie Bewusstheit, Spontanität und Intimität (2015, S. 287ff (Amazon-Werbung)). Ein Schlagwort wie Autonomie lässt sich nicht durch 3 weitere Schlagworte mit Leben füllen. Zum Verkörpern braucht es Transaktionsanalyse anwendende Menschen, wie es z.B. im Scrum-Guide steht.

Einem Menschen kann beim Verkörpern von Bewusstheit das Gleichnis von Berne vom <guten Vater> helfen, der meint, seinen Sohn über Häher und Spatzen aufklären zu müssen (2015, S. 287ff). In dem Gleichnis wird erzählt, dass der Sohn kein Entzücken mehr beim Sehen und Hören von Vögeln empfinden kann, weil er stets die Vogelart bestimmen muss, wie es der <gute Vater> verlangt. Mit diesem Gleichnis, was in der Agilität wahrscheinlich mit Story Telling oder narrativer Ansatz übersetzt wird, schafft Berne somit die Bilder und Emotionen, die das Schlagwort Bewusstheit füllen und zum Leben erwecken.

Bewusstheit oder selbstbestimmte Verbundenheit zu sich selbst, anderen und der Welt oder das Prinzip „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ bilden Anknüpfungspunkte zur Achtsamkeitslehre und den Ansätzen von Oliver Haas in Corporate Happiness als Führungssystem (2015 (Amazon-Werbung)) und dem dort behandelten Weltbild. Zur Bewusstheit gehört auch die vorbehaltlose sinnliche Wachheit.

Unter Spontanität fällt die offene und aufrichtige Kommunikation, Freiheit von Psychospielen und die Fähigkeit zum lebendigen und unmittelbaren Selbstausdruck.

Intimität ergänzt die Bindungsfähigkeit, den Kontakt ohne Verstrickung bspw. durch Abhängigkeit / Spieleanfälligkeit. Respekt ist vor dem Hintergrund von Intimität und Spontanität mit Sicherheit ein Begriff, insbesondere wenn Respekt mit Loyalität im Kontext von Hierarchien oder strengen Elternfiguren betrachtet wird, der sehr unterschiedliche Bilder und Geschichten hervorbringen wird. Gelegentlich spricht Eric Berne auch von Skriptfreiheit im Zusammenhang mit Autonomie (Schlegel, 2002) und (2006, S. 215ff (Amazon-Werbung)) beschreibt Berne die „strukturelle Neueinstellung und Reintegration“ der psychischen Inhalte und Energien als Hauptziel und assoziiert somit die Autonomie. Bei der Skriptfreiheit liegt die Verknüpfung zu der strengen Vaterfigur, zum Sohn und zu den Vögeln aus obigem Beispiel zur Bewusstheit (Berne, 2015, S. 287ff) nahe. Respekt und Loyalität zu der strengen Vaterfigur können sich durch das Ausleben des Vaters nach diesem Beispiel durchaus schicksalshaft oder destruktiv auf das Leben des Sohnes auswirken. Das Gleichnis vor dem Wert Respekt hätte so lauten können:

    Ein guter Vater beobachtet seinen Sohn beim Lauschen der Vogelstimmen und teilt seine Freude über das Interesse des Sohnes in Mimik und Gestik seinem Sohn in einem Gespräch mit. Weil sich der Vater auch für Vogelstimmen interessiert und er gerne ein gemeinsames Hobby mit seinem Sohn hätte, fragt er ihn, ob er vielleicht wissen möchte, welche Vögel zu dem jeweiligen Gesang gehören. Der Vater wartet geduldig auf die Antwort und respektiert die Entscheidung des Sohnes, egal ob ja oder nein.

In dieser Form wäre das Gleichnis ein Beispiel für Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit geworden und hätte vermutlich keine destruktiven Auswirkungen auf die Entfaltung des Kindes gehabt und ein „Strukturelle Neueinstellung“ wäre nicht erforderlich. Die „Strukturelle Neueinstellung“ knüpft in der TA an Ich-Zustandsmodell und Strukturmodelle an und kann auch als Brücke zu dem Modell von Loevinger in der agilen Welt dienen. Die Steigerung der Autonomie gibt es nämlich auch als Ziel im Bereich der Agilität. Eine allgemeine Definition gibt es in der Agilität nicht, jedoch gehört die Steigerung der Entscheidungsautonomie in verschiedenen Kontexten wie Empowerment, Teamentscheidungen und Selbstführung zu den gesehenen Aspekten. Offene, aufrichtige Kommunikation ist auch ein Anknüpfungspunkt zur Offenheit, Vertrauen und Transparenz in der Scrum-Ethik und auch zu den vier Scrum-Ereignissen, die vier unterschiedliche Kommunikationsformate beschreiben.

Autonomiezirkel - ein Prozessverständnis für Respekt

Ein wichtiges Bindeglied zwischen Agilität und Transaktionsanalyse ist hier Vincent Lenhardts Stufenmodell zur Entwicklung der Autonomie (Kottwitz & Lenhardt, 1992, S. 75ff). Hier wird Autonomie nicht als fest definierter Zustand beschrieben, sondern als Wachstumsprozess. Lenhardt definierte hier 8 Autonomiestufen. Diese Stufen beginnen bei Abhängigkeit (0) gehen über in Gegenabhängigkeit (1), Unabhängigkeit (2) und münden in wechselseitige Abhängigkeit (3), um letzten Endes auf der Stufe (4) mit der Verfügbarkeit aller Beziehungsformen anzukommen. Die Autonomiestufen fünf bis sieben widmen sich dem Sinn in existenzieller (5), spiritueller (6) und konfessioneller (7) Hinsicht. Lenhardt verweist bei der Bedeutung des Sinns ebenso wie Holetz beim 6S-Modell auf Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie. Holetz nutzt für die Beratung in Organisationen eine Abwandlung des Modells, Autonomiezirkel genannt, welches Abbildung ↓ in vom Autor ergänzter Form zeigt.

„Immer mehr Menschen verfügen heute über die Mittel zum Leben, aber über keinen Sinn, für den sie leben“
(Viktor Frankl (mehr Zitate zu Glück und Projektmanagement))

Autonomiezirkel, Respekt

In der Transaktionsanalytischen Gemeinde wurde Autonomie lange Zeit, wie ein Axiom des Gründers Eric Berne gesehen, denn man fand keinen wissenschaftlichen Grund für das Leitziel Autonomie. Insofern kann man das Fehlen der Autonomie in der aktuellen TA-Ethik auch als Autonomie-Prozess der TA-Gemeinde gegenüber dem Gründer verstehen, ohne den Respekt gegenüber dem Gründer zu verlieren. Mit den Neurowissenschaften und Gerald Hüther (2015 (Amazon-Werbung)) ist für Autonomie ein neuer Ansatz gefunden, denn demnach gibt es zwei menschliche Grundmuster:

  1. Selbstentfaltung und Potentialentfaltung für gänzlich neue Lösungen,
  2. Spezialisierung und Effizienzsteigerung im Rahmen bekannter Lösungen.

Beide werden zurückgeführt auf die Erfahrungen unserer biologischen Zellen in Wechselwirkung mit der Umwelt. Selbstentfaltung erfuhren wir als Menschen bereits beim Zusammenkommen von Eizelle und Samenzelle und dem weiteren Prozess der Reifung im Mutterleib und darüber hinaus. Auch Spezialisierung erlebten wir als Menschen auf diese Weise, denn unsere Zellen spezialisierten sich, z.B. in Form von Leberzellen, Nervenzellen, … Diese Prozesse finden immer in Wechselwirkung mit der Umwelt statt und so weiß man heute, dass sich selbst eineiige Zwillinge durch Punktmutationen genetisch unterscheiden. Zellen und Psyche entwickeln sich also erfahrungsbasiert oder im Rahmen eines Lernprozesses und Anpassungsprozesses. Der Autonomieprozess und der Autonomiezirkel sind hierfür Beispiele, denn letzten Endes erklären diese Wechselwirkungen mit der Umwelt. Die ersten Stufen erklären stärker die Wechselwirkung in Beziehungen zwischen zwei Menschen. Die Stufen der Spiritualität und des Sinns die Wechselwirkungen mit Unternehmen, Gesellschaft, Glaubensgemeinschaften, Religion, Identität, … Das Konzept der Autonomie kann somit auch erklären, warum ein Mensch nach 2 – 3 Jahren ein Unternehmen verlässt, z.B. wenn die Beziehungen zu den Menschen gestört sind oder eine weitere Identifizierung mit der Kultur, Absicht, Identität des Unternehmens nicht möglich ist. Beim Führungswandel bspw. zum Führen auf Augenhöhe kommen führende Menschen und geführte Menschen auf Augenhöhe zusammen, also idealerweise auf Stufe 5 oder zumindest 4 im Autonomiezirkel.

Respekt kann daher in diesem Zusammenhang bedeutet, dass man Respekt für Menschen in unterschiedlichen Entfaltungsphasen aufbringt und sich auf ihre aktuellen Bedürfnisse und Reaktionen einlässt. Ebenso kann Respekt bedeuten, Menschen nach einer Störung des Entfaltungsprozesses wieder zu entwickeln, um weitere Entfaltung zu ermöglichen. So betrachtet hat Respekt sehr viele Parallelen zu Empowerment, Enrichment, Facilitation oder Führungskraft als Coach, was auch in der Agilität relevant ist.

Respekt im 7S-Modell der psychologischen Hungerarten

Das 7S-Modell basiert auf den drei Basishungern (vgl. Ziffer 1-3), die Eric Berne, Claude Steiner und weitere beschreiben. Die Vorbereitung zum vierten „S“ und weiteren folgenden „S“ legte Eric Berne mit seinem „Hunger nach Führung“ (1963) bzw. in der dt. Übersetzung von Kindler (Hrsg.) (1979, S. 236). Dort wird der Führungshunger als ein Produkt des Strukturhungers bezeichnet.

Ute und Heinrich Hülsmann beschrieben (2014, S. 47-56) einen Teil dieses Führungshungers mit „Standing“ als dem „4. S„. In Fortführung dieses Modells ergänzte (Borris, 2/2006) das fünfte S für Spirit und assoziierte die Maslowsche Bedürfnispyramide. Zur weiteren Differenzierung des Führungshungers ergänzten Holetz; Meyer-Prentice (2019, S. 3ff (Institut SYS~TA~LO)) das sechste „S“ für Sinn.

Sinn des Readers und Workshops für den Jahreskongress war es, das siebte „S“ für Selbstentfaltung zu integrieren. Im „Netzplan der TA™“ von Matthias Sell, der aussieht wie ein U-Bahn-Netzplan, bilden die 3 Basishunger eine Endhaltstelle und die Entwicklung die andere Endhaltestelle auf der rosa U-Bahn-Linie. Die rosa Linie kreuzt bspw. die Linie für die Eltern-/Kind-Ichzustand-Trübung und führt über Symbiosen, so dass Entwicklung durchaus als Entwicklung vorher verwickelter Menschen betrachtet werden kann. Dieses Wortspiel von Entwicklung und Verwicklung ist im agilen Umfeld einschließlich New Work geläufig. Die Entfaltung ist hier der natürliche, Autonomie fördernde Prozess und findet sich in Begriffen wie Selbstentfaltung, Potentialentfaltung, … Autonomie bedeutet im Sinne der Transaktionsanalyse nicht „Dagegen-zu-sein“, denn dann wäre es im Autonomieprozess auf Stufe 3 im vorher beschriebenen Autonomiezirkel (↑) zu einer Störung / Verwicklung gekommen, die die natürliche Entfaltung behindert. Selbstentfaltung ist unser ursprünglichstes, menschliches Grundbedürfnis ab der ersten Zellteilung, welches später als Erfahrungswissen durch reflektierende Abstraktion / Integration Bestandteil unserer psychischen Prozesse wird. Dieses Grundbedürfnis wird dann durch Stimulus also Umweltreize und unsere Reaktionen beeinflusst, ebenso wie durch das Bedürfnis nach Liebe und Wertschätzung oder alternativ nach Anerkennung wie Lob und Tadel. Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, das siebte „S“ als „7. S“ hinter Spirit anzusiedeln, denn die Differenzierung des Strukturhungers könnte weitergehen, so dass ich den Selbstentfaltungshunger als „0. S“ in das Modell vor dem Strokehunger aufnehme.

Das ergänzte 7S-Modell umfasst die sieben Hunger / psychologischen Bedürfnisse:

Basishunger in Bezug auf alle Menschen = Rollen unabhängig

    1. Selbstentfaltungshunger (engl. self-unfolding):
      Selbstentfaltung ist das individuelle Bestreben, die in jedem angelegten Talente, Potentiale u. a. Möglichkeiten zu entfalten und in Kompetenzen zu verwandeln und unsere Persönlichkeit zu entfalten. Generell gibt es für die Selbstentfaltung auch eine soziale und gesellschaftliche Dimension. So könnte der Wert Respekt z.B. Grenzen setzten, wenn meine Entfaltung andere Menschen an ihrer Entfaltung hindert. Auf der anderen Seite könnte die ursprüngliche, intrinsische Motivation durch extrinsische Motivation verdrängt worden sein, weil man nach gesellschaftlicher Beachtung, Karriere, Reichtum oder Ruhm strebt oder einfach in Mutters oder Vaters Fußstapfen treten soll. Selbstentfaltung im FLOW-Gefühl gibt Energie für Veränderung aus Begeisterung, Neugier und bildet in der Organisationsentwicklung und Unternehmensentwicklung den Konterpart zu dem Ansatz von John P. Kotter im Change Management und Veränderungsmanagement.
    2. Strokehunger (engl. stroke),
      (Rautenberg & Rogoll, 2011 (Amazon-Werbung)) beschreiben drei Weisen Beachtung auszudrücken, Berührung (Körperkontakt), Zuwendung (Blick, Gestik, Stimme, usw.) und Anerkennung (Eigenart und Leistung). Generell können Strokes streichelnd oder schlagend und bedingt oder unbedingt sein. Vor dem Hintergrund von Respekt, Wohlwollen, zugewendet / interessiert Sein, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit ist Wertschätzung (Schulze & Sejkora, 2017 (Amazon-Werbung)) ein zentraler Begriff, der auch im agilen Umfeld benutzt wird (Janssen, 2016, S. 205 (Amazon-Werbung)).
    3. Stimulushunger (engl. stimulus):
      Stimulation also Sinnesreize gibt es in der heutigen Welt zu Hauf. Die Kunst ist es eigentlich trotz individueller Übersättigung oder Untersättigung z.B. E-Mail-Flut, Meeting Hopping, Skype, … Seifenopern, Horrorfilmen die Autonomie und Bewusstheit zu wahren und konstruktiv weiterzuentwickeln. Die Scrum-Methode mit den 4 Scrum-Ereignissen (Kommunikationssituationen) trägt ein Übriges zum Stimulus bei. Respekt vor und in Stresszuständen mag neue Perspektiven auf diesen Hunger und die aktuelle Lebenssituation geben.
    4. Strukturhunger (engl. structure):
      Wie die agile Zwiebel (↑) zeigt, geht es von (Prozess-)Anweisung in Richtung Auftrag nach dem Delegationskontinuum von McGregor oder Selbstführung nach (Laloux, 2017). In der agilen, digitalen Welt werden neue Prozesse, Denkmodelle, Rollen und Berufe geschaffen, andere fallen weg. Diversität, Multiperspektivität werden im Sinne der Ich-Entwicklungsstufen geschätzt. Die Veränderungsaffinität mit Sicherheit und Dauer bildet Polaritäten, so dass jedes Individuum seine Position und sein Handeln wiederholt reflektieren muss. Respekt, wer sich diesen Veränderungsimpulsen stellt und nicht stehen bleibt und zurückfällt.

Führunggshunger in Bezug auf führende bzw. Entfaltung fördernde Menschen = Rollen abhängig

„Ein Produkt des Strukturhungers ist der „Führungshunger“, der sich rasch und immer dann einstellt, wenn der Gruppenführer sich weigert, ein fest umrissenes Programm bekanntzugeben, oder wenn er auf einem Treffen nicht anwesend ist und kein angemessener Ersatz für ihn gefunden werden kann.“ (Berne, 1979, S. 236)

      1. Standinghunger (engl. standing): Der Standinghunger ist ein sehr interessanter Hunger aus Sicht des Autors, denn hier zeigen sich die Veränderungen in Autonomiestufen und Ich-Entwicklungsstufen oder im Führungsverständnis. Alleine das Wort „Loyalität“ als Wert birgt sehr viele unterschiedliche Perspektiven, von der klassischen Unterordnung in der Hierarchie bis zum Wertebaum von Upstalsboom (Janssen, 2016, S. 205). Respekt und Standing, wie stehen diese Begriffe in Beziehung? Auch die Veränderung der Frage: „Welches Standing erwarten Sie von Ihrer Führungskraft?“ zu „Welches Standing wünschst Du Dir von Deiner Führungskraft als Mentor / Coach?“ bringt sehr unterschiedliche Aspekte zum Vorschein. Standing ist das außen, sichtbare Verhalten, welches aus einer Führungshaltung, einem Führungsmindset und einer Führungskultur resultiert (vgl. Artikel „Führung – von Menschenführung, Führungskultur und Führungsmindset„).
      2. Spirithunger (engl. spirit): Spirit beschreibt die innere Haltung, das Leading myself, die Eigenmotivation, meine Werte, Prinzipien, Vision oder meine Spiritualität, sprich mein Führungsmindset. Spirit ist die Authentizität für das Standing. Boris beschreibt Spirit als Haltung der Liebe, was Leo Tolstoi mit
        „Man kann ohne Liebe Holz hacken, man kann aber nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen.“ (mehr Zitate zum Führen)
        ausdrückt. Liebe ergänzt das Bild vom Respekt als Wert. Diese Haltung der Liebe in Kombination mit positiven Strokes fördert darüber hinaus Selbstentfaltung. Authentizität durch Eigenmotivation führt auch zu Motivation bei anderen Menschen. Liebe und Eigenmotivation speisen sich aus dem Sinn.
      3. Sinnhunger (engl. sense) Die Frage nach dem Why? – Wofür stehe ich oder die Organisation? Welcher Mission folge ich oder folgt die Organisation? Der Sinnhunger drückt das Bedürfnis aus, den Sinn in Einklang mit den Werten, dem Verhalten, den Absichten, der Mission, der Vision, der Identität und den Talenten zu bringen. So betracht ist der Sinn der Wegweiser ins eigene FLOW-Gefühl und die Selbstentfaltung in der Führungsrolle mit Vorbildfunktion oder Ermutigungsfunktion. In Bezug auf Respekt stelle ich mir bspw. die Frage, ob ich Respekt einfordere, ob Respekt, Standing und Ansehen per Stellung für mich gegeben ist oder ob ich mir Respekt verdiene? Nach den Ob-Fragen folgen, dann die Wie-Fragen. Welche Bedürfnisse werden dadurch gestillt? Danach beantworte ich dann ggf. die Frage: Warum gibt (mir) Respekt einen Sinn?

„Ein Beispiel zu geben ist nicht die wichtigste Art, wie man andere beeinflusst. Es ist die einzige.“ (Albert Schweitzer, Nobelpreisträger)

„Respekt“ als gelebte Erkenntnis für das Miteinander auf Augenhöhe?

Ich denke, der Artikel zeigt, das Respekt ein (agiler) Wert für das Miteinander auf Augenhöhe sein kann und in verschiedenen Methoden als Wert, Prinzip oder ähnliches enthalten ist. Zweifellos finde ich es sehr schade, dass die Interaktion zwischen Menschen im Workshop nicht stattfand und somit mein subjektives Bild ohne Ergänzungen durch andere Menschen stehen bleibt. Respekt erinnert mich an die 5. Grundhaltung aus der Transaktionsanalyse:

„5. Wenn ich es recht bedenke, ist bei mir alles in Ordnung und die anderen sind mir recht, auch wenn sie anders sind“ (2011, S. 181)

Hast Du Dein inneres Bild vom Respekt gemalt, dass Du leben und verkörpern kannst?

Ich persönlich habe mein Bild um viele Aspekte bereichern können und merke gleichzeitig, dass meine persönlichen Werte Liebe, Mut und Lebensfreude emotional positiver besetzt sind als Respekt. Betrachte ich Respekt hingegen als Prinzip, kann ich dieses ohne weiteres anwenden, denn Respekt ist in meinem inneren Erleben ein kognitiver Prozess. Wie schaut das bei Dir aus?

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