Zusammenfassung

Das Interview „Kritisches Denken wird abgeblockt“ von @Bärbel Schwertfeger* mit @Georg Steinmeyer zu seinem Buch „Die Gedanken sind nicht frei. Coaching: eine Kritik“* zeigt kritische Aspekte für die Entwicklung eines Coachees im Coaching. Das Interview befasst sich mit Coaching und Psychotherapie sowie das kritische Hinterfragen der Weltsichten aus den Methoden „Positive Psychologie“, „NLP“ und „The Work“. Ich betrachte dieses Interview aus den Blickwinkeln der Methoden und der Ethik der Transaktionsanalyse, einem agilen Mindset und den Unterschieden zwischen Coaching (siehe Schwerpunkte) und Psychotherapie.

Coaching als Begriff deckt heute viele Bereiche ab. In dem Interview wird der Fokus auf Personal und Business Coaching im weiteren Sinne gelegt und gleichzeitig Psychotherapie und Coaching in Zusammenhang gebracht. Die Schwierigkeit ist, dass Psychotherapie auf einem Katalog „psychischer Erkrankungen“ basiert und somit seine eigenen Weltsichten und Methoden aufweist, die ggf. von einer Krankenkasse bezahlt werden.

Arten und Stufen der Individualisierung

Im Interview werden die Methoden „Positive Psychologie“, „NLP“ und „The Work“ kritisch in Bezug auf die enthaltenen Weltsichten hinterfragt und mögliche Auswirkungen bzw. Schadwirkungen oder Fehlentwicklungen skizziert. Ein Aufhänger ist die Individualisierung, die als kritisch gesehen wird. Hier kennen wir verschiedene Sprichwörter wie „Jedem das Seine und mir das Meiste.“, „Eigenlob stinkt.“, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ oder „Geben ist seliger denn Nehmen. (oder anders herum)“. Für mich sehe ich hier auch zwei Extreme in den Weltsichten zur ungesunden Eigenliebe oder dem Ego. Die Extreme auf der Skala sind der Narzissmus und der Altruismus. Aus Sicht der Transaktionsanalyse, der Ich-Entwicklungsstufen nach Loevinger oder den Weltsichten nach Frederic Laloux* ist die individuelle Reifung des Individuums oder die Entwicklung der Autonomie der wesentliche Entwicklungsprozess für den Menschen als Individuum. Dieser Prozess findet in „gelingenden“ oder „gesunden“ Beziehungen statt, da der Mensch als soziales Wesen in sozialen Systemen lebt. Hier steckt schon wieder eine Wertung im „Gelingen“ und „Gesund“, die jeder für sich reflektieren mag.

Ich mag hier nicht zum „kritischen Denken“ wie der Artikel aufrufen, denn meist vergleicht man beim kritischen Denken nur die eigene Wahrnehmung mit den eigenen Werten. Man betreibt einen einfachen, rationalen Soll-Ist-Abgleich und es entsteht meist keine neue Perspektive oder keine Erweiterung des individuellen Bezugsrahmens. Spannend wird es im Coaching, denn in der Beziehung zwischen Coachee und Coach können neue Perspektiven und Veränderungen im Bezugsrahmen bzw. in der individuellen Realitätskonstruktion entstehen.

Wirkungen durch Interventionen im Coaching

Im Artikel wird formuliert, dass es sich

im Coaching um „Interventionen handelt, die massiv ins Wertgefüge und die psychische Identität von Menschen eingreifen.“ (vgl. Interview)

Coaching wird per se eine Wirkung zugestanden. Die Wirkung wird allerdings im weiteren Interviewverlauf Wertungen unterzogen, die ich sich teilweise mit meinen Erfahrungen als Coach im Einklang befinden. Ich bewerte dies allerdings bisweilen anders und das möchte ich teilen.

Coaching zur Effizienzsteigerung

Ja, viele Coachings dienen der Effizienzsteigerung, was für mich bedeutet, dass die ursprünglich entwickelten Welt- und Menschenbilder erhalten bleiben und der Coachee noch besser wird, indem was der Coachee bereits kann. Hier können auch mal neue Methoden erlernt werden, man bewegt sich jedoch weiterhin in der gleichen Ebene, Sphäre, im gleichen Reifestadium. Dies kann auch „destruktive“ Effizienzsteigerung umfassen, wenn das Ego vom eigenen Selbst gespalten wird und das Ego immer perfekter und erfolgreicher die eigene Realität bestimmt. Dies haben wir in den letzten Jahrzehnten durch Erziehung und Anpassung gelernt und den Menschen als Maschine gesehen, als Ressource neben, Geld, Grund und Boden, … Der jeweils andere Mensch wurde Mittel zum Zweck. Instrumentalisierung ist ein Begriff aus diesem Denken, was häufig auch etwas mit bestimmten Formen der Macht oder fehlendem Vertrauen bzw. Mißtrauen oder Mangelzuständen zu tun hat.

Coaching zur Persönlichkeitsentwicklung

Ja, Coaching kann auch Persönlichkeitsentwicklung umfassen, also den Wechsel von einer Ebene, Sphäre auf eine andere oder eine Veränderung des individuellen Reifestadiums umfassen. Hierbei wird neben Kompetenzausbau auch Potentialentfaltung in der Beziehung zwischen Coach und Coachee ermöglicht. Es entsteht Neues, was nachher in die Welt- und Menschenbilder des Coachees übertragen wird. Damit geht auch einher, bisher Vorhandenes zu reflektieren und ggf. loszulassen. Toll ist es, wenn dies aus Neugier und Begeisterung passiert, was insbesondere in „gelingenden“ Beziehungen möglich ist. Wir wissen aber auch, dass ein Entwicklungsprozess aufgrund äußerer Umstände passiert oder weil die Wut oder der innere Druck / Schmerz unerträglich wird. Mut gehört zu diesem Prozess, denn bisweilen lasse ich als Coachee zuerst Vorhandenes weg und schaue was Anderes entsteht. Dann bewertet und entscheidet der Coachee, was mit dem entstandenen Anderen passiert. Der Coach kann hierbei als Werte-Instanz / Meister / Beispiel im Entwicklungsprozess dienen, die Psychotherapeutin muss es im Sinne des Gesundungsprozesses. Beide führen Andere und leiten sich selbst in den inneren Veränderungsprozessen des Anderen, dennoch gibt es Unterschiede.

Psychotherapie vs. Coaching

Nein, es ist in Deutschland in der Regel nicht möglich aus Begeisterung und Neugier eine Psychotherapie zu beginnen, um seine Persönlichkeit zu entwickeln. Um diese in Anspruch nehmen zu können, muss eine Störung diagnostiziert sein, die sich in einem katalogisierten Krankheitsbild wiederfindet. Coaching verfügt nicht über diese „Krankheits-„Barriere und richtet sich somit an eine ganz andere Zielgruppe. Psychotherapie und Coaching sind somit grundlegend verschieden, allerdings finde ich es gut, wenn im Coaching Störungen erkannt und aufgelöst werden können, bevor sich ein Krankheitsbild durch die oben beschriebene Effizienzsteigerung verfestigt oder gar erst entsteht.

Gesunde Eigenliebe, Nächstenliebe, Menschenliebe führt zu Liebe zu sich selbst und seiner Umwelt

„Bestimmte Coaching-Methoden fördern den bereits vorhandenen Trend zu einer Gesellschaft von Einzelkämpfern.“ (vgl. Interview)

Gleichzeitig finde ich es nicht gut, wenn die gewonnene Individualität und Autonomie sich in reinen Einzelkämpfern zeigen würde. Insbesondere ist ein Wachstum von unreflektiertem Narzissmus, Altruismus oder andere Vorstellungen und Verhaltensweisen, damit meine „das Recht der ersten Nacht“ in neuer Form, Klassengesellschaften, o.ä., aus meinen Augen negativ behaftet. Wir blieben in diesem Sinne im Weg-von- oder Defizit-Denken und könnten nicht auf ein lösungsorientiertes und gestaltendes Hinzu-Denken wechseln. Den Fokus auf Mangel, Defizite, Kritik, Strafe, Schicksalsschläge und Katastrophen kennen wir zur genüge und macht nicht glücklicher oder angstfreier. Dieser Wechsel auf ein lösungsorientiertes und gestaltendes Hinzu-Denken ist für mich wichtig und sollte aus immer mehr Perspektiven in der Gesellschaft vollzogen werden. Coaches und Psychotherapeuten kämen so auch zu einem gemeinsamen Bild von Entwicklung und die Methoden würden sich in dieses Bild einpassen. Ich möchte daher an die vielen schönen Stunden z.B. auf den Weihnachtsmärkten in diesem Jahr (2018) erinnern, an die vielen Sonnenstunden im Sommer dieses Jahres, an die schönen Momente und Begegnungen erinnern.

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